Kitterella hat Sommerurlaub

Kitterella hat Sommerurlaub
wir sind am 04.09.2017 wieder zurück

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Leseprobe zu "Das Kreidemädchen" von Carol O'Connell

UNVERKÄUFLICHE LESEPROBE 

DAS KREIDEMÄDCHEN

VON

CAROL O'CONNELL
EINS
Am Tag meiner Geburt kam ich bereits schreiend aus dem Mutterleib. Das erzählt mir mein Vater gerne, wenn ich eine Geschichte über die Driscol School nach Hause bringe. 
ERNEST NADLER
Der erste Schrei des Morgens verlor sich in den typischen Geräuschen Manhattans: Sirenengeheul, Hundegebell, laute Musik aus einem Auto, das am Park vorbeifuhr. Der mittsommerliche Himmel zeigte das tiefe Blau von Kitschpostkarten. Keine Wolken. Keine Vorboten der Angst. Ein Grüppchen Kinder betrat im Gänsemarsch die große Wiese. Angeführt wurde es von einer weißhaarigen Frau mit einem Schlapphut aus Stroh und einem lila Kleid, unter dem ihre blaugeäderten Knöchel hervorblitzten, als sie den Rasen überquerte. Sie ging am Stock und kam nur langsam vorwärts. Ihre jungen Picknickgefährten mussten sich zurückhalten, um sich ihrem gemächlichen Tempo anzupassen. Viel lieber wären sie schreiend durch den Central Park gerannt und getobt – alle Kinder bis auf eins, das beim Gehen die Beine zusammenkniff: frühes Warnzeichen einer Blase, die bald zu platzen drohte. Mrs. Lanyard las ihnen aus einem Reiseführer vor. »Seit 1934 grasen auf der Sheep Meadow keine Schafe mehr.« Das wurde mit enttäuschtem Stöhnen und einem einzelnen, schüchternen Jammern quittiert: »Ich muss aufs Klo.« »Natürlich musst du das.« Es musste immer eins aufs Klo. Das konnte gar nicht anders sein. Mit einem etwas mokanten Lächeln beschattete Mrs. Lanyard ihre Augen und spähte über die Fläche von sechs Hektar, die voller Leute mit Fahrrädern und Handtüchern, Kinderwagen und fliegenden Frisbees war. Sie hoffte, ihre Assistentin zu entdecken, die die Gegend bereits nach einer öffentlichen Toilette absuchte. »Gleich«, sagte sie zu dem Kind in Not, wobei sie sehr wohl wusste, dass sie nie und nimmer rechtzeitig ein Klo finden würden. Solche Ausflüge waren einfach nicht vollständig ohne die Duftmarke von Urin auf der Busfahrt nach Hause. Mrs. Lanyard pferchte ihre Schäflein in ein Grüppchen zusammen und zählte zum dritten Mal an diesem Morgen durch. Kein Kind war abhandengekommen – aber es war eins zu viel. Ganz hinten in der Gruppe leuchtete ein roter Haarschopf, der ihr nicht bekannt vorkam. Nein, dieses kleine Mädchen war definit iv keine Teilnehmerin des »Lanyard Day Camp für begabte Kinder« – wobei selbst Mrs. Lanyard sie allesamt für ganz gewöhnliche Kinder hielt. Doch die Eltern hatten eine beträchtliche Summe für diese wohlklingende Zeile im Lebenslauf ihrer sechsjährigen Sprösslinge springen lassen, und das überzählige Kind konnte wohl nichts anderes sein als ein kleiner Schmarotzer. Was für ein seltsames Gesichtchen: schön und drollig zugleich, die Haut größtenteils weiß und ansonsten schmutzig. Das Lächeln des kleinen Mädchens war außerordentlich breit, und zwischen der Himmelfahrtsnase und den vollen Lippen hatte die Natur besonders viel Platz gelassen. Das spitze Kinn machte das Bild einer Elfe perfekt. Doch Elfe oder nicht, sie gehörte nicht hierher. »Kleines Mädchen, du heißt wie?« Das war nicht als Frage formuliert, sondern als Aufforderung. »Coco«, sagte die Kleine. »So ähnlich wie Kakao.« Absurd. Das passte ja wohl überhaupt nicht zu einem rothaarigen, blauäugigen und hellhäutigen kleinen Mädchen. »Wo bist du denn …« Mrs. Lanyard unterbrach sich für einen kurzen Schrei, weil ihr fast eine Ratte über die Zehen gehuscht wäre. Unmöglich. Undenkbar. In ihrem Ausflugsführer war von Ratten keine Rede gewesen – nur von Vögeln und Eichhörnchen und Schafen, die nicht mehr hier weideten. Mrs. Lanyard beschloss, postwendend an den Verlag zu schreiben, und ihre Kritik würde geharnischt sein. »Stadtratten sind Wesen der Nacht«, sagte Coco, der eingeschlichene Picknickgast, als zitierte sie selbst aus einem Führer. »Bei Tageslicht kommen sie höchst selten zum Vorschein.« Das war keine typische Wortwahl für ihr Alter. Vielleicht war das kleine Kuckuckskind ja das einzig wirklich begabte in der Gruppe. »Also, und was ist dann mit dieser Ratte?« Mrs. Lanyard zeigte auf das Nagetier, das über die weite Wiese davonhuschte. »Handelt es sich vielleicht um eine geistig zurückgebliebene Vertreterin?« »Das ist eine norwegische Ratte«, sagte Coco. »Man nennt sie auch braune oder Kanalratte. Die sind blitzgescheit. Vor hundert Jahren haben sie den Rattenkrieg gewonnen … als sie alle schwarzen Ratten aufgefressen haben.« Diese wissenswerte Kleinigkeit wurde mit allerlei »Ohs« von den anderen Kindern quittiert, und die Kleine fuhr ermutigt fort: »Die waren früher Schiffsratten. Jetzt leben sie meistens auf festem Boden. Manche von ihnen wohnen aber auch im Himmel, und dann regnet es manchmal Ratten.« Wie auf Kommando blickten die kleinen Picknicker nach oben, gen Himmel, doch dort waren keine Nager in Sicht. Auf dem Landweg kam jetzt allerdings ein weiterer pelziger Schädling direkt auf sie zu. Dreiundzwanzig Augenpaare wurden rund und groß. Und ein kleiner Junge machte sich in die Hose – das war’s dann. Unvermeidlich. Und da – noch eine Ratte. Und noch eine. Abscheuliche Geschöpfe.Auf einem breiten Streifen quer über die Wiese sprangen Sonnenanbeter von ihren Handtüchern hoch und ergriffen die Flucht, und ihre Schreie waren auch noch aus größerer Entfernung zu hören. Hunde bellten, und Eltern bugsierten Kinderwagen in wilder Hast über den Rasen. Mrs. Lanyard versammelte ihre Schäfchen in engem Kreis um sich. Die kleine rothaarige Rattenkennerin trat nach vorne. Sie streckte die dünnen Ärmchen aus, bettelte stumm um Trost. Offenbar wollte das Kind in den Arm genommen werden. Herrje, war die Kleine dreckig. Das ehemals weiße T-Shirt des Kindes starrte vor Schmutz, Grasflecken und Flecken von Essensresten, manche rot wie Blut. Natürlich war hier – wie bei allen ungewaschenen Bälgern – auch mit den allseits gefürchteten Läusen zu rechnen. »Stopp!« Mrs. Lanyard machte einen Schritt zurück und hob die Hände, um das Gör davon abzuhalten, sich weiter zu nähern. Enttäuschung trat in die großen blauen Augen des Kindes. Langsam ließ es die Ärmchen sinken, und Coco wandte sich den anderen Kindern zu, die es der alten Dame nachtaten und auch vor ihr zurückwichen. Jetzt brach das Lächeln des Mädchens ganz zusammen, und es faltete die Hände vor dem Bauch, als wäre dieses Ausgestoßensein wie ein Schlag in die Magengrube. Ein Junge schrie. »Schaut nur! Schaut!« Er fuchtelte wild mit dem Zeigefinger. »Noch mehr Ratten!« Mein Gott, es waren Dutzende. Mrs. Lanyard hob den Stock, bereit, ihre Schützlinge gegen diesen wuselnden braunen Teppich von zuckenden, schnuppernden Nagern zu verteidigen, die direkt auf sie zurannten. Die Kinder jedoch – sehr wohl überlebensfähig – ließen die alte Dame einfach stehen und liefen in alle Himmelsrichtungen davon. Die seltsame Kleine folgte ihnen. Ihre Hände flatterten vor Panik wie kleine weiße Flügel.

Es war ein eher unpassender Moment, um einen Schlaganfall zu erleiden, doch dank Gottes Gnade erwies er sich für Mrs. Lan yard als sofort tödlich. Die Ratten waren so nah. Die alte Dame sank auf die Knie. Der Wind fuhr in ihren Strohhut und trug ihn mit sich fort. Nun sah man die rosa Kopfhaut unter ihrem schütteren weißen Haar. Die Ratten quiekten und rannten weiter auf sie zu. Fast waren sie schon da. Mrs. Lanyards Augen rollten in die Höhlen zurück, und es gab nun keine Angst mehr, obwohl die Nager jetzt überall waren und sich vor dem Hindernis der knienden alten Dame teilten wie ein Fluss vor einem Stein. Die Ratten wollten nur an ihr vorbei. Mausetot kippte die alte Dame nach vorne um und fiel auf die Stirn, wo sie sich die Haut an einer gezackten Glasscherbe von einer Flasche aufschnitt. Es blutete nur ein winziges bisschen, denn ihr Herz hatte bereits zu schlagen aufgehört und pumpte nicht mehr. Einige aus der zuckenden Armee der Rattensoldaten – die Nachhut – blieben stehen, um zu schauen, zu schnüffeln, zu kosten.

Mrs. Ortega hörte die schrillen Schreie der Kinder, während sie ihren Einkaufswagen in Richtung Spielplatz schob. Ihre kleine Gestalt wirkte schmächtig, doch der Schein trog, denn sie war überaus kräftig – eine Folge harter körperlicher Arbeit. Sie hatte das rabenschwarze Haar einer gebürtigen Latina und die milchweiße Haut ihrer irischstämmigen Mutter. An normalen Tagen wurde sie auf ihrem Weg durch den Park manchmal von Frauen auf ihren Wagen voller Putzutensilien angesprochen. Diese unbekannten Damen näherten sich stets mit einem bittenden, ja fast verzweifelten Blick, denn eine gute Putzfrau war in New York schwer zu finden. Und immer winkte Mrs. Ortega ab und sagte: »Fragen Sie erst gar nicht. Ich bin komplett ausgebucht.« Heute gab es jedoch eine deutliche Abweichung von ihrer Routine, denn eine junge Frau rannte sie über den Haufen, die ständig über ihre Schulter blickte statt nach vorn. Als waschechte New Yorkerin hatte Mrs. Ortega für solche Fälle ein ganzes Repertoire von Flüchen parat, die selbst eine Rockerbande in die Flucht geschlagen hätten. Sie hob zur Einstimmung die Faust und sah erst dann die Angst in den Augen der anderen Frau, die kurz stehen blieb, »Ratten!« schrie und dann weiterlief. Offenbar war sie nicht von hier. Die Entrüstung der Putzfrau legte sich, und sie senkte die Faust wieder. Einer Touristin durfte man im Grunde keinen Vorwurf machen, doch wer ansonsten beim Anblick einer Ratte die Flucht ergriff, konnte nicht ganz hell in der Birne sein. Schließlich war New York City die Rattenhauptstadt der Welt. Die Gegend, in der Mrs. Ortega wohnte, hatte sich einst mit der höchsten Schädlingskonzentration von ganz Manhattan gebrüstet, doch die Upper West Side, wo die meisten ihrer Kunden wohnten, mauserte sich mittlerweile zu einer ernsthaften Konkurrenz. Mrs. Ortega betrat einen lärmenden Spielplatz, der in konzentrischen Kreisen von einer langen runden Bank, einem Zaun sowie einem äußeren Schutzwall aus hohen Bäumen umgeben war. Sie machte das Eisengatter hinter sich zu und steuerte ihren gewohnten Platz neben dem Trinkbrunnen an. Die Putzfrau nickte einigen Kindermädchen und ihren Schützlingen zu, die sie mit Namen kannte, und legte dann eine Tüte vom Delik atess enl aden auf ihren Schoß, denn sie wollte sich ein ausgiebiges zweites Frühstück gönnen, bevor sie die U-Bahn nach SoHo nehmen würde. Vor Jahren war einer ihrer Stammkunden dorthin gezogen, womit die Sache für sie eigentlich erledigt gewesen wäre, doch Charles Butler bezahlte Mrs. Ortega so fürstlich, dass sich die Extratour nach Downtown lohnte. Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Jede Menge Zeit. Es war auch Zeit genug, einen Mann zu bemerken, der d irekt außerhalb des Zaunes stand. Eine Bekannte von Mrs. Ortega war bei der Polizei und nannte diese Sorte Männer »Short Eyes«, weil sie immer so angestrengt vor sich hin schauten, als wären sie kurzsichtig. Diesen Mann hier faszinierte das Kletterparadies, ein leuchtend buntes Gestell, auf dem massenhaft Kinder herumturnten oder von den Streben herabbaumelten. Einige sausten eine Metallrutsche hinunter, schreiende, kreischende, glückliche Kinder – ahnungslos, furchtlos. Nur ein paar von ihnen hatten einen guten Instinkt, und sie würden überleben und selbst Kinder in die Welt setzen; schließlich waren die New Yorker auch mit den finstersten Aspekten des Darwinismus vertraut. Jetzt erregte der Mann die Aufmerksamkeit eines kleinen Mädchens. Er lächelte – wie unheimlich! –, und das Kind wandte sich rasch ab und rümpfte die Nase, als läge plötzlich ein übler Gestank in der Luft. Selbst ein Kind konnte erkennen, was das alles zu bedeuten hatte, doch die Aufsichtspersonen waren wie blind, quasselten in ihre Handys oder schwatzten miteinander. Heute waren keine Mütter auf dem Spielplatz, nur Kindermädchen oder Babysitter. Mütter waren gut im Ausspähen von Bösewichten, doch Mrs. Ortega war noch besser. Sie hatten ihren Radar für Kinderschänder bereits ausgefahren, doch als Short Eyes anfing, mit seinem Handy heimlich die Kids zu fotografieren, läuteten bei ihr endgültig die Alarmglocken. Da sie nicht vorhatte, die Babysitter zu warnen – allesamt hirnlose Teenager –, lehnte sich die Putzfrau unauffällig nach vorne und tastete mit einer Hand nach dem Baseballschläger, der in den Tiefen ihres Putzwagens lag. Ein Erbstück ihres Vaters, der sein Lebtag lang ein Fan der Yankees gewesen war. Mrs. Ortega trug ihn überall mit sich herum, jedoch nicht aus sentimentalen Gründen. Er war einfach eine erstklassige Waffe. Sie ließ den Mann nicht aus den Augen – der die Kinder nicht aus den Augen ließ. In diesem Moment wurde sie von einem schmutzigen kleinen Gesicht inmitten eines lockigen roten Haarschopfes abgelenkt. Das Kind spähte hinter dem Stamm eines Baumes hervor, der im Zementboden des Spielplatzes Wurzeln geschlagen hatte. Das Lächeln der Kleinen war zu breit, zu großzügig für ein New Yorker Kind. Ein seltsames Mädchen – und doch kam es ihr bekannt vor. Die Putzfrau holte tief Luft. Obwohl das Kind keine Flügelchen hatte, sah es ansonsten haargenau so aus wie die Miniatur auf ihrem Kaminsims zu Hause. Mrs. Ortega sammelte Feenfiguren, ein Vermächtnis ihrer Mutter, einer Frau, deren Familie erst vor einer Generation aus Irland eingewandert war und die Licht und Schatten dieses kleinen Zaubervolkes noch gekannt hatte: Feen sangen und tanzten, sie lächelten immer, aber alle trieben gerne Unfug. Eine Fee in Fleisch und Blut zu sehen, verhieß folglich nichts Gutes. Der gesunde Menschenverstand sagte Mrs. Ortega durchaus, dass dieses Mädchen ein menschliches und verletzliches Wesen war, doch seine Ähnlichkeit mit einem Zauberwesen war dennoch unheimlich und beunruhigend. Mrs. Ortega wandte den Kopf und erwischte Short Eyes dabei, wie er am Zaun entlangschlich und ebenfalls das Kind anstarrte. Der kleine Rotschopf war das ideale Opfer, da das Kind offenbar zu niemandem gehörte. Leichte Beute. Langsam schritt der Mann am Zaun entlang, näherte sich dem Tor, heimlich, grinsend; so würde eine Küchenschabe lächeln, wenn sie es denn könnte. Mrs. Ortegas Finger schlossen sich um den Griff ihres Baseballschlägers, als das kleine Mädchen auf eine der Babysitterinnen zuging, eine etwas dümmliche Teenagerin namens Nancy, die es sogleich mit der Angst bekam. Was interessant war, weil Nancy ein so breites Kreuz hatte wie ein Footballspieler. Die Kleine näherte sich dem älteren Mädchen mit ausgestreckten Händen, als wollte es in den Arm genommen werden. Von einem wildfremden Menschen? Nun, das war wirklich unheimlich. Nancy ergriff panisch die Flucht von der Parkbank, so eilig hatte es die Babysitterin, von dem bedrohlichen kleinen Ding wegzukommen. Sie sammelte ihre Schützlinge, ein Zwillingspärchen, ein, schob sie durch das Türchen und ging mit energischen Schritten auf den Parkausgang West 68th Street zu. Enttäuscht ließ das Feenkind den Kopf hängen und schlang die Arme um sich, als wollte es sich selbst umarmen. Was war das eigentlich auf dem T-Shirt des Kindes? Oh, verdammt. Mrs. Ortega hatte einen Blick für Flecken und kannte sich damit aus. Ein Cop konnte vielleicht mit Ketchup getäuscht werden, aber sie nicht. Das war Blut. Plötzlich lächelte das Kind und tänzelte auf Zehenspitzen zum Rand des Spielplatzes, wo der Kinderschänder am Tor wartete – am offenen Tor. Er lächelte, streckte ihr die Arme entgegen, und sie lief zu ihm hin, so glücklich und so begierig darauf, Liebe zu schenken und zu empfangen. Mrs. Ortega zog den Baseballschläger aus dem Wagen.

Drei Männer in Uniform standen im Schatten einer alten E iche und sahen zu, wie die Ratten über den blutigen Haufen hinwegwuselten, zu dem die verstorbene Mrs. Lanyard geworden war. Einer von ihnen löste sich von der Gruppe und wollte sich dem Gemetzel auf der Wiese nähern. »Nein, das wirst du nicht tun.« Officer Maccaro, seit zwanzig Jahren bei der New Yorker Polizei, packte seinen Juniorpartner am Arm und hielt ihn zurück. »Glaub mir, Junge, sie ist tot – mausetot.« Ach, diese Frischlinge. Die waren wie Kleinkinder: Man konnte sie keine Minute aus den Augen lassen. »Die Kollegen von der Schädlingsbekämpfung sind unterwegs. Wir warten hier einfach nur.« Er wandte sich an den anderen jungen Mann, der die Uniform der US-Forstverwaltung trug. »Jimmy, so viele Ratten habe ich am helllichten Tag noch nie gesehen.« »Tja, Mac, die Nagerpopulation steigt rapide.« Trotz seines starken Mittelwesten-Akzents hätte der Ranger locker als waschechter New Yorker durchgehen können – wenn man bedachte, mit welcher Gleichgültigkeit er dabei zusah, wie die Ratten eine alte Lady verspeisten. »Die Giftköder wirken nicht mehr. Unsere pelzigen Freunde haben wohl Geschmack daran gefunden. Deshalb hat die Parkverwaltung die Nagerbekämpfung neu ausgeschrieben, und hier kommt dieser Idiot Dizzy Hollaren ins Spiel. Er führt ein kleines Familienunternehmen und hat sich bisher hauptsächlich um Termiten und Schaben gekümmert. Dizzy kriegt zur Probe also das Rattennest in dem Gebäude da drüben zugeteilt.« Der Ranger zeigte auf ein Backsteinhaus am Rande der Wiese. »Bevor er das Nest verschließt, wirft er eine Rauchbombe. Denn unser Dizzy weiß: Das funktioniert bei Küchenschaben ganz prima.« Könnte dieser Mann noch sarkastischer sein? Vermutlich nicht, dachte Officer Maccaro. »Schätze, die Ratten hatten ein Hintertürchen, richtig?«

Der Ranger nickte. »Das haben sie immer. Und jetzt sind sie ausgeschwärmt.« Er wandte sich wieder den Nagern zu, die noch damit beschäftigt waren, sich an Mrs. Lanyard gütlich zu tun. »Normalerweise würde man so was nie sehen. Ratten laufen eigentlich vor Menschen weg. Ich glaube, diese Viecher hier sind high von Dizzys Cocktail.« Er zuckte mit den Achseln. »Tut mir leid, Jungs. Von der Leiche wird nicht viel übrig bleiben.« »Ist schon okay«, sagte der jüngere Polizist. »Ein paar Kinder haben uns den Namen des Opfers verraten.« »Yeah«, sagte Officer Maccaro und seufzte. »Sind ja bloß zwanzig Kids mehr, nach denen wir suchen müssen.« Er blickte zum äußersten Ende der Sheep Meadow, wo Polizisten und Parkangestellte in Reihen das umliegende Gelände nach ausgebüxten Kindern aus einem Tagescamp im Nachbarstaat New Jersey durchkämmten. Der Ranger zeigte gen Himmel. Über ihnen kreiste ein Raubvogel über der großen Wiese. »Behaltet den Falken im Blick. Dieser Vogel da ist der Grund, warum ihr auf so einer offenen Fläche sonst nie Ratten seht.« Mit ausgebreiteten Schwingen ging der Falke in den Sturzflug. Nur wenige Zentimeter vom Boden entfernt fuhr er die Krallen aus, segelte über die wuselnde, fressende Masse von Ratten hinweg, schnappte sich eine und trug das sich windende Tier davon. Es schrie wie ein menschliches Wesen. Der Rest der Nager setzte unbeirrt seinen Festschmaus fort. Der Ranger nickte weise. »Oh ja, die sind vollkommen bedröhnt.« Wieder legte er den Kopf in den Nacken, und diesmal schaute er in die dicken Blätter der stattlichen Eiche e mpor. »Ich hoffe bloß, keins von den Kindern hat sich da oben im Baum versteckt.« Officer Maccaro folgte seinem Blick und sah eine Ratte, die den untersten Ast entlanghuschte. »Meine Güte, wo haben die das denn gelernt?«

Mrs. Ortega zog eine gewisse Befriedigung aus dem Geräusch von brechenden Knochen. Der Kinderschänder sank zu Boden und blieb schreiend liegen. Sie schulterte den Baseballschläger wie ein Gewehr und schaute sich nach allen Richtungen um. Wo war das seltsame kleine Mädchen geblieben? Es gab niemanden, den sie fragen konnte. Der Spielplatz war leer. Zwei Polizeibeamte rannten auf sie zu, und sie winkte ihnen mit der freien Hand und schrie: »Ihr müsst ein kleines Mädchen finden!« Der jüngere Cop betrat den Spielplatz als Erster durch das Eisengatter. Er blickte auf den Mann am Boden nieder, der gekrümmt wie ein Baby im Mutterleib dalag und nicht mehr schrie, sondern nur noch leise wimmerte. Der Beamte wandte sich an die Putzfrau. »Waren Sie das?« Blöde Frage. Hielt sie nicht den verdammten Baseballschläger in der Hand? Mrs. Ortega stupste den wimmernden Perversen mit dem Fuß an. »Macht euch keine Gedanken um dieses Stück Dreck. Er wird’s überleben. Aber das Kind müsst ihr schnell finden. Das ist wie ein Magnet für solche Typen. Ihr werdet schon wissen, wenn ihr sie seht. Sie hat rote Haare und erinnert ein bisschen an eine kleine Fee.« »Ach, die«, sagte der ältere Polizist und lächelte, als er durch das Türchen trat. »Ich glaube, die hab ich über den Park fliegen sehen.« »Verarschen Sie mich nicht.« »Okay.« Der Beamte zog seine Waffe und hielt sie auf Kopfhöhe von Mrs. Ortega. »Los, Lady, lassen Sie den Schläger fallen! Und zwar sofort!« »Ich mein’s ernst«, sagte Mrs. Ortega. »Ja, das sehe ich.« Der Mann starrte auf das blutige Ende des Schlägers.

Nun, das war neu. Detective Sergeant Riker stand vor einem roten Fertigbau, in dem vorübergehend die Polizeiwache des Central Park untergebracht war. Ihr altes Quartier nebenan, das dringend renoviert werden musste, war teilweise hinter Planen verborgen, und Handwerker arbeiteten auf dem Dach. Mit dieser verdammten Stadt ging es einfach bergab. Riker, der Mann im zerknitterten Anzug mit dem Wochen alten Senffleck, war weit von seinem Revier in SoHo entfernt, doch er brauchte nie seine Dienstmarke zu zeigen. Uniformierte Cops standen in Grüppchen rund um den Eingang und machten ihm Platz, weil sie seinen höheren Rang an der Selbstverständlichkeit erkannten, mit der er eine Schusswaffe und seine goldene Polizeidienstmarke trug. Für Zivilisten war er einfach nur ein Mann mittleren Alters mit schlechter Haltung, einem liebenswürdigen, zurückhaltenden Lächeln und verhangenen Augen, die jedem, dem er begegnete, sagten: Ich weiß, dass du lügst, aber es ist mir egal. Mrs. Ortega hatte ihr Recht auf einen Telefonanruf genutzt und Riker um einen Gefallen gebeten. Der hatte schon befürchtet, er müsse seine Mittagspause damit zubringen, sich vom Verantwortlichen der Wache am Central Park über ihren Fall in Kenntnis setzen zu lassen, doch nach wenigen Minuten Gespräch hatte der Commander ihm einfach den Schlüssel der Verwahrzelle gegeben, und Riker wurde die Ehre zuteil, die gefährlichste Putzfrau der Upper West Side aus ihrem Verlies zu entlassen.

Obwohl die kleine Dame ihn durch die Gitterstäbe finster anschaute, grinste der Detective, als er den Schlüssel ins Schloss steckte. »Ich bin beeindruckt.« Er öffnete die Tür und machte einen tiefen Bückling vor ihr. »Es heißt, Sie hätten dem Knaben den rechten Arm und drei Rippen gebrochen.« Riker begleitete sie ins Erdgeschoss, wo sie ein Wiedersehen mit ihrem Putzwagen feiern durfte. Mrs. Ortega überprüfte sorgfältig seinen Inhalt, weil sie es der Polizei offenbar zutraute, ihr die Putzlappen oder die harten Bürsten stibitzt zu haben, die sie gerne zur Reinigung von Fugen im Badezimmer nahm. »Wo ist mein Schläger?« »Treiben Sie’s nicht zu weit«, sagte Riker. »Ich sorge dafür, dass Sie den wiederkriegen, okay? Aber heute noch nicht.« »Sie haben ganz schön lange gebraucht, mich hier rauszuhauen.« »Ich habe Sie nicht rausgehauen«, sagte er. »Die Anklage wurde fallengelassen. Ich würde mir das gerne selber auf die Fahnen schreiben, aber der Anruf kam aus dem Büro des Bürgermeisters. Er hat Ihnen eine Limousine geschickt, um Sie abzuholen.« »Was ist mit dem kleinen Mädchen? Das ist immer noch da draußen.« »Im Moment sind fünfzig Cops im Park unterwegs. Die suchen nach Ausreißern von einem Tagescamp aus New Jersey. Sie haben gesagt, dass die Kleine nicht auf den Spielplatz gehörte, richtig? Dann ist es wahrscheinlich eine von denen aus New Jersey.« »Nein, das Kind hatte schon ein paar Tage nicht gebadet. Es hat sich entweder verirrt, oder es hat kein Dach über dem Kopf. Und das hab ich denen auch gesagt!« »Wenn die Park-Cops sie nicht finden, dann werde ich es tun. Okay?« Als das die Putzfrau ein wenig zu beschwichtigen schien, fragte Riker: »Wollen Sie denn gar nicht wissen, warum Ihnen der Bürgermeister eine Limousine geschickt hat?« Sie gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass ihr das schnuppe war. Ganz Gentleman, hielt Riker ihr die Tür auf, als sie ihren Putzwagen nach draußen manövrierte, hinein in den Staub und das Dröhnen der Presslufthämmer und das Rauschen des Verkehrs von der Straße, die quer durch den Park verlief. Er führte sie zu einem breiten, gepflasterten Streifen, wo VIPs illegal parkten. Neben der wartenden Luxuskarosse stand der persönliche Chauffeur des Bürgermeisters, ein Mann in einem besseren Anzug, als ihn sich ein Cop je leisten könnte, und starrte ungläubig seinem sich nähernden Fahrgast entgegen. Ein N icken von Riker bestätigte ihm, dass es sich dabei tatsächlich um die neue Busenfreundin des Bürgermeisters handelte. »He, Kumpel, mach mal den Kofferraum auf. Ohne den Wagen fährt sie nirgendwohin.« Während der Chauffeur ihre Putzutensilien verstaute, ließ sich Mrs. Ortega mit der größten Selbstverständlichkeit auf dem Rücksitz nieder, als wäre es für sie an der Tagesordnung, in einem solchen Schlitten durch die Gegend chauffiert zu werden. Als der Fahrer seinen Platz einnahm und den Motor anließ, beugte sie sich vor und rief ihm quer durch die Stretch- Limousine zu: »Lassen Sie mich in Brooklyn raus!« »Nichts da, City Hall!«, schrie Riker und sagte in seinem verschwörerischsten Ton zu der Putzfrau: »Der Bürgermeister will Ihnen nur die Hand schütteln. Vielleicht lassen Sie ein paar Fotos von sich machen, reden mit ein paar Reportern.« »Ja, ja.« Sie wandte das Gesicht in Richtung Beifahrerfenster, offensichtlich gelangweilt von dieser Vorstellung. »Hören Sie zu«, sage Riker. »Das hier ist eine richtig große Sache. Der Scheißkerl, den Sie zusammengeschlagen haben, war in Florida auf Kaution draußen und ist abgehauen. Während er auf der Flucht war, haben die Cops in Miami unter den Dielen in seinem Haus mehrere Leichen gefunden.« Der Detective hatte den Eindruck, als hätte er immer noch nicht Mrs. Ortegas volle Aufmerksamkeit. »He, Sie haben einen Kindermörder zur Strecke gebracht! Gut gemacht.« »Riker, Sie müssen das kleine Mädchen finden. Irgendwas stimmt mit der Kleinen nicht. Oder vielleicht hat sie niemand richtig erzogen. Sie geht einfach auf Fremde zu. Und Sie wissen ja, der Typ ist nicht der einzige Perverse im Park. Wo steckt eigent lich Mallory? Warum ist die nicht gekommen?« »Lieutenant Coffey hat ihre Hände an den Schreibtisch genagelt.« Im Zuge ihrer Rehabilitierung durfte Rikers Juniorpartnerin eine Weile das Revier von SoHo während der Dienstzeiten nicht verlassen, nicht einmal, um sich nördlich der Houston, ihrer Demarkationslinie, etwas zu essen zu holen.

Das müde Kind stand im Schutz von dicht belaubten Bäumen in einem Wäldchen und beobachtete das hektische Treiben auf der Sheep Meadow. Ein Mann im Overall steckte das Ende eines dicken Schlauchs in eine Öffnung im Boden und trat dann auf die Wiese, wobei sich hinter ihm der schwere Schlauch entrollte. Die Düse des Schlauchs richtete sich auf die Ratten, als er einem anderen Mann zuwinkte, dann spritzte ein gewaltiger Wasserstrahl aus der Öffnung, und die Schädlinge ergriffen die Flucht, stoben in alle Himmelsrichtungen davon. Dunkelblau uniformierte Polizisten gingen auf die blutige Masse im Gras zu und knieten daneben nieder, während ein paar andere mit einer Bahre herbeiliefen. Coco war durch reinen Zufall hierhergelangt, nachdem sie die weiten Kreise eines Kindes gezogen hatte, das sich verirrt hatte. Doch ihre Odyssee war noch nicht zu Ende.
Nach Minuten oder Stunden – Coco kannte kein Zeitgefühl – kam sie wieder zum See, wenn auch nicht mit Absicht, weil sie die geographischen Gegebenheiten des Parks nur vage im Kopf hatte. Sie stand an einem Geländer und spähte durch das Laubwerk auf das ihr wohlbekannte leuchtende Orange eines breiten Bauzauns, der um das Gewässer verlief. Ziellos folgte sie ihrem Weg, immer an einer niedrigen Steinmauer entlang, die sie zu einem weiteren wichtigen Punkt des Parks führte. Es gab viele Trinkbrunnen im Park, und sie sahen alle gleich aus, doch diesen hier erkannte Coco an dem toten V ogel wieder, der im Becken lag. Der kleine braungefiederte Kadaver hatte begonnen, Fliegen anzulocken; ihr Summen war laut und hässlich. Die Hände an die Ohren gepresst – hört auf damit, hört auf! – verließ sie den gepflasterten Weg und rannte e inen Pfad entlang in den Wald, die dünnen Arme ausgebreitet, wie ein Flugzeug. In Windeseile huschten ihre Füße über den Waldboden. Als sie dem Pfad folgte, stieß sie in ihrer Panik wie durch Zufall auf einen weiteren Hinweis auf roten Regen. Nicht schreien, nicht schreien, nicht schreien. Coco wurde langsamer, rang nach Luft. Sie stieg über eine niedergetrampelte Stelle im Zaun und betrat das dichte Gebüsch. Zweige streckten die Krallen nach ihr aus und machten ein kratzendes Geräusch an den Beinen ihrer Bluejeans. Vor einem breiten Baumstamm blieb sie stehen und legte die Arme um seine raue Rinde. Auf der Suche nach Liebe und Trost blickte sie in sein Laubwerk empor und nannte ihn beim Namen. Der Baum schwieg. Das Kind ließ sich zu Boden gleiten und rollte sich zu einem Ball zusammen.

ZWEI
Sie sind nicht gerade monstergroß, aber Erwachsene fürchten sich vor ihnen. Dad natürlich nicht. Mein Dad glaubt nicht an Monster. Und an mich glaubt er auch nicht. 
ERNEST NADLER
Der Detective machte die Tür zum Büro des Lieutenants hinter sich zu, weil er wohl ahnte, dass sich die Stimme seines Bosses gleich um mehrere Oktaven anheben würde – ein guter Instinkt. »Mallory aus ihrem Käfig lassen? Sind Sie wahnsinnig?« Der Chef der Special Crimes Unit fuhr sich mit der Hand durch das hellbraune Haar. Mit nicht einmal vierzig hatte Lieutenant Coffey bereits eine kahle Stelle am Hinterkopf. Sie war sein hervorstechendstes Merkmal und zeigte, was Stress einem Mann antun kann. »Sie wird es wieder und wieder tun.« »Aber sie war nicht gerade der erste Cop, der sich von s einer Truppe abseilt, ohne sich zu verabschieden«, sagte Detective Sergeant Riker. Immerhin hatte die Partnerin des Mannes es als Einzige geschafft, sich ihren Platz vom Schreibtischdienst, diesem Friedhof für angeschlagene Cops, zurückzuerobern. Doch das war letztes Mal gewesen. »Dieses Mal läuft es anders!« Wow. Tief durchatmen. Mit leiserer Stimme, die man nicht unter der Tür hindurch hören würde, antwortete Jack Coffey: »Sie war drei Monate weg, und ich weiß immer noch nicht, warum.« Riker zuckte die Achseln. »Seit wann muss ausgerechnet ein Cop eine Auszeit erklären?«

Auszeit. Für die meisten Cops bedeutete das, dass sie eine Runde um den Block gingen, um den Kopf frei zu bekommen, wenn es auf dem Revier mal wieder drunter und drüber ging. Doch Mallorys Runde hatte in einer Fahrt quer durch die südlicheren Bundesstaaten der USA bestanden – ein Gebiet von circa sechs Millionen Quadratmeilen –, und das war nicht ganz das Gleiche wie eine Auszeit. »Der Seelenklempner des Dezernats ist nicht bereit, sie wieder in den aktiven Dienst zu lassen.« Lieutenant Coffey fischte den Bericht eines Psychologen aus seinem Papierkorb und reichte ihn Riker. »Gehen Sie auf Seite drei, wo Dr. Kane schreibt, sie sei gefährlich instabil. Ich sag Ihnen, warum das meine Aufmerksamkeit geweckt hat. Denn eigentlich ist Ihre Partnerin doch verdammt gut darin, Psychotests auszuhebeln.« »Und ich bin mir sicher, den hier fand sie besonders leicht.« Riker schmiss den Test auf den Tisch. »Dr. Kane hat Schiss vor Frauen – besonders vor Frauen mit Knarren. Wahrscheinlich macht sich der Quacksalber jedes Mal in die Hose, wenn er sie sieht.« »Sie haben vor mir gewusst, was in dem Bericht steht. Sie hat es Ihnen gesagt, richtig?« Jack Coffey hielt die Hand hoch, um Riker zu signalisieren, dass Leugnen zwecklos war. Mallory konnte sich in jede Datenbank hacken, und ihre legendären Computerkenntnisse waren im Dezernat schmerzlich vermisst worden. Während ihrer Abwesenheit hatten seine Detectives sich damit begnügen müssen, die Staatsanwaltschaft um Haftbefehle anzuflehen. Geschlossene Jalousien hingen vor einem Fenster, das die ganze obere Hälfte einer Wand seines Privatbüros einnahm. Der Lieutenant hob eine der Metalllamellen an, um unbemerkt einen Blick in den Dienstraum des Dezernats und auf seine jüngste Trägerin der goldenen Polizeimarke zu werfen. Er war nicht der einzige Beobachter. Auch andere Cops riskierten verstohlen einen Blick. Fragten die Männer sich, ob sie je wieder mit Mallory arbeiten konnten? Derzeit brachte die junge Frau die Anspannung in einem Raum allein dadurch zum Ansteigen, dass sie ihn betrat, und das musste ein Ende haben. Wenn man nur nach dem Äußeren ging, war sie unverändert: Sie trug immer noch Seiden-T-Shirts und maßgeschneiderte Blazer. Selbst ihre Jeans waren extra angefertigt, und ihre Laufschuhe kosteten mehr als die Monatsrate für Rikers Auto. Wäre es möglich, hätte Mallory Geld getragen, weil sie mit dem Verdacht kokettierte, sie sei bestechlich, obwohl Coffey selbst den Verdacht hatte, dass sie nicht ganz ehrlich war. Ihre blonden Locken waren so gestylt wie immer und umrahmten ein Porzellangesichtchen mit den hohen Wangenknochen einer Katze. So hübsch. So gruselig. Und was kostete bloß dieser verdammte Haarschnitt? Und warum wehrte sie sich nicht? Als Bedingung für die Rückkehr auf ihren Posten hatte Coffey Mallory gedemütigt, indem er sie zur Handlangerin des Dezernats machte. Während des letzten Monats ihrer Probezeit hatte sie klaglos den gesamten Papierkram erledigt, hatte Berichte geschrieben und sie abgeheftet, Telefonate geführt und anderen Detectives bei den Ermittlungen geholfen, wobei sie die ganze Zeit an ihren PC gefesselt war. Diese Strafe nahm sie Tag für Tag hin, ohne Murren, ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken. Und was plante sie, um mit ihm abzurechnen? Und wann würde das sein? Der Lieutenant beobachtete, wie sie irgendwelche Papiere sortierte – eine Sisyphusarbeit –, und wusste, diese säuberlichen Stapel würden exakt zweieinhalb Zentimeter von der Tischkante entfernt liegen. Man nannte Mallory auch »die Maschine«, was hervorragend zur unnatürlich giftgrünen Farbe ihrer Augen passte. Sobald sie mit dem Sortieren fertig wäre, würde sie einfach nur dasitzen. So still. So reglos. Trotzdem hatte Coffey immer den Eindruck, dass sie bis zum Zerreißen gespannt war. Jack Coffey befand sich permanent in Wartestellung. Sie drehte sich zu ihm und ertappte ihn beim Beobachten. Wie einen ganz gewöhnlichen Spanner. Die Lamelle schnalzte zu, als Coffey vom Fenster zurücktrat. »Ich habe die Regeln nicht gemacht. Kein Außendienst, bevor der Doktor nicht grünes Licht gegeben hat.« »Darum habe ich mich gekümmert.« Detective Riker langte in seine Tasche und zog ein in der Mitte gefaltetes Bündel Papiere hervor. »Charles Butler hat ein Gutachten über sie abgegeben. Offiziell ist sie psychisch gesund.« Als wäre es damit getan, bloß weil Butler mehr Uniabschlüsse hatte als Gott persönlich. »Weiß Charles, warum sie den Dienst quittiert hat?« »Das müsste irgendwo hier drinstehen.« Riker klappte das neue psychologische Gutachten auf und überflog es, obwohl ihm sein Inhalt zur Genüge bekannt war. Genau. Jack Coffey schnappte sich die Papiere, warf aber keinen Blick darauf. Er wusste, alles würde in Ordnung sein, und diese neue psychologische Einschätzung würde Dr. Kanes negatives Gutachten außer Kraft setzen. Mallorys persönlicher Psychologe hatte ein besseres Renommee als jeder Seelenklempner der Polizei, doch unglücklicherweise hatte der arme Tropf auch eine Schwäche: Kathy Mallory. Würde sie den Mond anbellen, ginge Charles Butler einfach davon aus, dass sie einen schlechten Tag hatte. »So läuft das nicht, Riker. Sie kann nicht einfach wieder hier reinspazieren, als wäre nichts geschehen.«

Coffey redete Unsinn und hätte seine Worte am liebsten zurückgenommen, denn genau das hatte sie getan: Vor vier Wochen war Mallory einfach im Dezernat aufgetaucht und hatte sich wie eine Spukgestalt in der Nähe des Treppenhauses herumgedrückt. Und dann, unter den Blicken aller anderen, hatte sie sich einfach wieder an ihrem alten Schreibtisch am Fenster häuslich eingerichtet, einem begehrten Platz, den jedoch niemand sich getraut hatte zu besetzen. Während dieser Monate der Auszeit hatten die anderen Detectives es sogar vermieden, an ihrem Schreibtisch vorbeizugehen, als würde es dort spuken, und manche hatten sogar behauptet, die Luft in seiner Umgebung sei merklich kühler. Am Morgen ihrer Rückkehr war es im Dezernat mucksmäuschenstill geworden; fünfzehn bewaffnete Männer saßen wie hilflose Geiseln da und warteten darauf, dass die Bombe hochging. Riker, dessen Schreibtisch gegenüber von ihrem stand, hatte schließlich das Wort ergriffen und gesagt: »Der Kaffee war scheiße, solange du weg warst.« Nur Mallory hatte daran gedacht, die Kanne ab und zu zu spülen. Heute sagte Riker zu seinem Boss, munter wie immer: »Sie wollen, dass sie geht?« »Vorerst bleibt sie im Schreibtischdienst.« Der Lieutenant hob erneut eine der Lamellen hoch und nahm seine Beobachtung des Dienstraumes wieder auf, wo gerade Mrs. Ortega eingetroffen war. Die Putzfrau zog sich einen Stuhl zu Mallory heran und machte es sich für einen Plausch gemütlich. Was ziemlich normal war, denn die beiden hatten eine gemeinsame Schwäche für Reinigungsmittel. Als sein Blick auf den säuberlich aufgeräumten Schreibtisch der Polizistin fiel, sah er, dass ihre gesamte Arbeit schon getan war. Wie lange hatte er damit zugebracht, sich neue Aufgaben für sie auszudenken? Fast hatte Coffey erwogen, ihr einen Besen und eine Kehrschaufel in die Hand zu drücken. Vielleicht hätte sie das sogar amüsiert?

Riker ließ sich auf einen Stuhl fallen. Das einzige Zugeständnis, das dieser Mann jemals an den höheren Rang seines Chefs gemacht hatte, war, dass er die Zigarette nicht angezündet hatte, die aus seinem Mundwinkel hing. Der abgewiesene Detective starrte auf den Fernseher in der Ecke des Büros, auf dem stummgeschaltet neue Berichte über Ratten und rennende Menschen zu sehen waren. »Warum schicken wir nicht Mallory für den Rest des Tages in den Central Park? Welchen Schaden sollte sie da schon anrichten? Schlimmstenfalls findet sie ein vermisstes Kind.« Jack Coffeys Lächeln sagte: Das kannst du in der Pfeife rauchen. »Ich hab gerade mit den Cops im Park gesprochen. Alle Kinder aus dem Tagescamp sind wieder aufgetaucht.« »Und das, von dem Mrs. Ortega gesprochen hat?« »Nein, das nicht.« Charles Butlers Putzfrau hatte die einzige Vermisstenanzeige aufgegeben, in der nach einem verdammten Feenkind gesucht wurde. »Schätze, Mrs. Ortega will auf unzurechnungsfähig plädieren, nachdem sie diesen Kinderschänder vermöbelt hat!« »He, das hab ich gehört!« Die Putzfrau stand in der Tür, das Kinn kämpferisch nach vorn gerichtet. Das wollte sie sich offenb ar nicht bieten lassen. »Ich habe nur gesagt, das Kind sah aus wie eine Fee.« Sie griff in eine tiefe Tasche ihres Kleides und zog eine Feenfigur hervor. »So wie die hier.« Das kleine Keramikwesen lächelte breit. Es hatte lockiges rotes Haar und die Flügel einer riesigen Stubenfliege. »Der Fahrer des Bürgermeisters hat mich nach Hause gebracht, damit ich die hier für Sie holen konnte.« Die Putzfrau trat ganz ins Büro und stellte die kleine Fee auf die Ecke seines Schreibtischs. »Machen Sie ein Foto. Die sieht genau aus wie das kleine Mädchen.« »Dann hatte die Kleine also Flügel?« Coffey wandte sich an seinen Detective. »Riker, das haben Sie in Ihrem Bericht aber nicht erwähnt. Und was ist das für ein Quatsch mit der Limousine des Bürgermeisters?« »Keine Flügel«, korrigierte die Putzfrau. »Sie ist einfach nur ein kleines Mädchen, und sie hat sich verirrt. Auf ihrem T-Shirt war Blut. Stand das denn in Rikers Bericht?« »Blut?« Der Lieutenant lächelte. »Vielleicht ein Spritzer von Ihrem treuen Baseballschläger?« »Nein!« Mrs. Ortega hielt die Luft an und zählte bis zehn. Dann ließ sie sowohl ihre finstere Miene als auch ihre taffe New Yorker Art fallen; diese Angelegenheit war ihr zu wichtig. Fast klang die kleine Dame flehentlich: »An dem Kind war Blut, bevor ich dem Perversling Saures gegeben hab.« »Dann ist es wahrscheinlich doch eins von den Kinder aus New Jersey«, sagte Coffey. »Haben Ihnen die Cops aus dem Park von dem Rattenangriff auf der Sheep Meadow erzählt, als man Sie festgenommen hatte?« »Die Ratten liefen über den Boden. Aber das Blut hatte sie an den Schultern ihres T-Shirts – und nirgendwo sonst.« Mrs. Ortega verschränkte die Arme auf der Brust. »Na ja, guter Versuch.« Das Telefon klingelte, und Riker beugte sich vor, um den Hörer abzunehmen, als erwartete er einen Anruf auf dem privaten Anschluss seines Vorgesetzten. »Ja? … Oh, ja, natürlich.« Der Detective lauschte einen Moment und hielt dann dem Lieutenant das Telefon hin. »Boss, es ist der Bürgermeister. Er will Sie sprechen.«

Eine Ratte fiel unter lautem Gequieke zu Boden und landete mit einem dumpfen Geräusch zu Cocos Füßen. Dieses Wunder hatte sie schon einmal erlebt. Leblos lag das Tier vor ihr, den blassgelben Bauch nach oben, und starrte mit schimmernden Augen zu dem Himmel empor, aus dem es gefallen war.
Rote Tropfen regneten herab und versickerten in der Erde am Stamm des Baumes. Die Ratte zuckte, und Coco war es eiskalt. Sie fühlte sich flattrig. Sie hörte ihr eigenes Herz schlagen. Der Körper des Nagers zuckte. Auf wundersame Weise wiederbelebt, huschte die Ratte ins Unterholz davon, wobei sie Zweige abbrach und kleine, gehetzte Laute, ein Quieken und Piepsen, von sich gab. Das kleine Mädchen stand reglos da wie eine Statue, als wollte es sich unsichtbar machen, doch Cocos Herz schlug lauter und schneller als vorher: da dum, da dum, da dum.

Lieutenant Coffey ließ sich auf den Stuhl hinter seinem Schreibtisch sinken. Er hatte seinen Telefonanruf von der City Hall beendet und schenkte jetzt der Putzfrau sein diplomatischstes Lächeln. »Der Bürgermeister liebt Sie, Mrs. Ortega.« In der Tat war der oberste Politiker der Stadt ihr größter Fan, so glücklich machte es ihn, dass kein Cop, sondern eine Zivilistin dem Pädophilen im Beisein von etwa einem Dutzend Zeugen – die meisten unter sechs Jahre alt – die Knochen gebrochen hatte. Der Bürgermeister erlag auch der Täuschung, Mrs. Ortegas Heldentat könne ein Gegengewicht zu der schlechten Presse bilden, die die Stadt wegen des Verzehrs eines Parkbesuchers durch Ratten bekommen würde. Was für ein Depp. »Der Bürgermeister sagt, sein Fahrer hätte Sie eigentlich in die City Hall bringen sollen – nicht nach Brooklyn. Man wartet dort sehnsüchtig auf Sie, damit Fotos gemacht werden und eine Pressekonferenz abgehalten wird.« »Ich hab’s Ihnen doch gesagt«, erwiderte Mrs. Ortega. »Ich musste nach Hause und meine Fee holen.« »Natürlich, und dafür danke ich Ihnen auch.« Jack Coffey blickte auf das geflügelte Wesen in der Ecke seines Schreibtischs und wählte seine folgenden Worte mit Sorgfalt, weil er nicht sagen mochte, dass das vermisste Feenkind erst eine Menge Leute um die Ecke bringen musste, bevor die Special Crimes Unit sich dafür interessieren würde. Einfühlsam hob er die Hände und spreizte die Finger, die typische Geste eines New Yorkers, der zeigen will, dass er nichts Böses im Schilde führt und unbewaffnet ist. »Die Limousine wartet unten auf Sie … der Bürgermeister wartet … und die Fernsehkameras.« »Kommt nicht in Frage«, sagte Mrs. Ortega. »Ich gehe hier nicht weg, ehe Sie nicht …« »Ich gebe dem Revier im Park Bescheid, dass immer noch ein Kind fehlt.« Coffey nahm die Feenfigur zur Hand. »Und ich schicke ihnen ein Bild von der hier, okay?« »Und wie Sie das werden!« Die kleine Frau lehnte sich in ihren Stuhl zurück, um ihm zu verstehen zu geben, dass sie vorhatte, noch eine Weile zu bleiben. Scheiß auf den Bürgermeister. Der Lieutenant hatte nur einen Moment lang den Kopf abgewandt, und plötzlich stand Detective Mallory neben ihm, als wäre die Polizistin einfach von einem anderen Planeten heruntergebeamt worden. Coffey wusste, dass sie diesen Trick gern anwandte, damit er einen Herzkasper bekam, und wollte sie gerade wieder an ihren Schreibtisch zurückschicken, da sah er sie lächeln – und das war nie ein gutes Zeichen. »Ich frage mich«, sagte Mallory so beiläufig, als würde sie bloß die Uhrzeit verkünden, »wie dringend der Bürgermeister Mrs. Ortega eigentlich sehen will.« Jack Coffey konnte sie nur fasziniert anstarren, obwohl er wusste, was als Nächstes passieren würde. Das Spiel nannte sich Erpressung. Die junge Detektivin wollte aus ihrem Käfig heraus. Und sie baute fest auf das zweite psychiatrische Gutachten.
»Das kleine Mädchen ist behindert«, sagte Mallory. »Sie leidet unter dem Williams-Syndrom.« »Das stimmt«, sagte Mrs. Ortega. »Charles Butler meint, sie wird nie mehr nach Hause finden. Sie können es nicht zulassen, dass sie weiter dort herumläuft …« »Jetzt aber Moment mal«, sagte Coffey. »Charles hat sie auch gesehen?« »Nein«, antwortete Mrs. Ortega. »Ich hab ihn auf dem Weg nach Brooklyn angerufen. Er hat eine telefonische Ferndiagnose gestellt – über das Telefon des Bürgermeisters.« Für den Lieutenant roch das alles nach einem abgekarteten Spiel. »Sicher wollen Sie das Mädchen finden.« Mallory klang ausgesprochen beiläufig. »Pädophile lieben den Central Park. Wenn die Kleine vergewaltigt wird, versaut das dem Bürgermeister den ganzen Tag.« Es war unnötig zu erwähnen, dass diese Polizistin durch Mrs. Ortega einen direkten Draht zum Bürgermeister hatte. Und auch das Wort Rache hing unausgesprochen im Raum. In der finstersten Region von Jack Coffeys Gehirn sprang ein winziger Kobold auf und ab und schrie: »Erschieß Mallory! Erschieß sie sofort!« Doch stattdessen wandte sich der Lieutenant an die Putzfrau und zwang sich ein Lächeln auf die Lippen. »Okay, das hier ist mein bestes Angebot. Ich lasse die Kollegen im Park zehn Beamte dafür abstellen, dass sie das verirrte Mädchen finden. Abgemacht?« Mrs. Ortega stand auf und beugte sich über den Schreibtisch. Mit einem Daumen wies sie auf die Detectives hinter ihr. »Packen Sie die beiden noch dazu, und ich bin einverstanden.« Mallory setzte sich auf den Stuhl neben Riker und streckte ihre langen Beine aus. Sie klappte ihre Taschenuhr auf, ein altes Stück, das ihr Lou Markowitz, der verstorbene Supercop, vermacht hatte. Gewöhnlich benutzte sie diese Requisite, um auf die lange Ahnenreihe von Polizisten hinzuweisen, die ihr Ziehvater gehabt hatte – und um einen Gefallen zu erbitten, dem man diesem guten alten Mann schuldig geblieben war. Am Tag ihrer Rückkehr hatte sie die Uhr als Symbol ihrer Bitte und ihres Anspruchs, sie wieder in Dienst zu nehmen, auf ihren Schreibtisch gelegt. Heute jedoch holte sie sie aus der Tasche, um zu zeigen, dass in diesem Moment buchstäblich eine Uhr tickte. Der Bürgermeister würde warten, er würde kochen vor Wut, und es würde nicht viel fehlen, dass er explodierte. Jack Coffey zuckte mit den Achseln, und das bedeutete, er hisste die weiße Fahne. Manchmal war es eine gute Idee, zu verlieren. Scheitern konnte auch etwas sehr Beruhigendes sein. Seine Spannungskopfschmerzen waren wie weggeblasen, noch bevor er seine beiden Detectives nach Uptown in den Central Park beorderte. Mrs. Ortega wurde in die andere Richtung zur City Hall geschickt – so löste er ein weiteres Problem –, und damit hielten sich Gewinne und Verluste an diesem Tag ja vielleicht doch die Waage. Der Lieutenant gab sich noch eine halbe Stunde Zeit, ehe er die Lautstärke des Fernsehers wieder aufdrehte. Eingeschaltet war der Kabelkanal der Stadt New York, und Coffey rechnete fest damit, gleich die Putzfrau und den Bürgermeister in einer Pressekonferenz zu Gesicht zu bekommen. Stattdessen sah er jedoch den Columbus Circle, um den der Verkehr aus mehreren breiten Boulevards floss. Die Kamera fuhr heran und wanderte zu der sonnenbeschienenen Plaza von Merchants’ Gate, dem südwestlichen Eingang zum Central Park. Sie zoomte auf ein Denkmal, auf dessen hohem Sockel die goldene Statue der Columbia Triumphant stand, die ihren von drei Seepferden gezogenen Muschel-Streitwagen lenkte. Hier schwenkte die Kamera herunter und zeigte schließlich die Nahaufnahme eines kleinen Jungen, dessen Gesicht ein Wald von Mikrofonen umgab. Und der Lieutenant hörte von der zweiten Feenbegegnung an diesem Tag. Der Junge auf dem Bildschirm beschwor eine ganz andere legendäre Fee aus dem Märchen herauf, um das Kind zu beschreiben, das immer noch irgendwo im Park herumirrte. »Aber sie war nicht blond wie Tinker Bell. Das Mädchen hatte rote Haare.« Jetzt wurde das Lächeln des Jungen verschlagen, denn das Beste hatte er sich bis zum Schluss aufgehoben. Genüsslich und mit Gruselstimme verkündete er: »Und sie war voller Blut.« Na toll. Na supertoll.

»Vermutlich fragst du dich, woher ich weiß, dass du lügst.« Mallory sagte das nicht unfreundlich, doch ihr Partner fand, dass sie den Jungen dabei so anschaute, wie eine Katze ihr Futter betrachtet. Riker fragte sich, ob das Kind in Mallorys Augen nicht vielleicht tatsächlich eine Art saftiges Steak mit einer kleinen Baseballkappe auf dem Kopf war. Dem Jungen aus dem Tagescamp schien es erst jetzt allmählich zu dämmern, dass er sich nicht mehr in der Gesellschaft lächelnder, besorgter Reporter befand. Diese große blonde Frau war ein ganz anderes Kaliber – und er saß tief in der Tinte. Der Mund blieb ihm offen stehen, als er zu ihr emporblickte, als wäre sie noch viel, viel größer als die goldene Statue. Mallory nahm den kleinen Jungen an der Hand und marschierte mit ihm hinter das Denkmal. Riker folgte ihnen dicht auf den Fersen, um diese kleine Entführung vor den Kameras abzuschirmen, die am anderen Ende der Plaza aufgebaut w aren, wo Reporter die Kinder aus New Jersey interviewten und Straßenmusiker versuchten, gegen das wilde Gehupe der im Stau stehenden Autofahrer anzuspielen. Rund um den Columbus Circle ging nichts mehr vor oder zurück, Uniformierte liefen am Rand der Plaza herum und drohten all denen mit Strafzetteln, die so wahnsinnig waren, hier in zweiter Reihe zu parken. Mittlerweile hatte sich ein Publikum aus Fußgängern angesammelt, die das verrückte Spektakel verfolgen wollten, und Essensverkäufer tauchten wie aus dem Nichts auf, damit auch keiner hungern musste. Niemand bemerkte, dass die Polizisten den kleinen Jungen mitnahmen. »Das Mädchen hatte wirklich überall Blut.« Jetzt klang die Stimme des Sechsjährigen weinerlich, doch er heulte nicht, was Riker ihm zugutehielt. Dafür schaute der Knirps auf seine Schuhe hinab – ein untrügliches Zeichen für ein schlechtes Gewissen. »Letzte Chance«, sagte Mallory, als wäre sie diejenige, die darüber zu richten hatte, wann man ihn zur Hölle schicken würde. »Sag mir, was …« »Er hat gelogen«, meldete sich in diesem Moment ein zweites Kind aus dem Tagescamp zu Wort. Es war ein kleines Mädchen mit Pferdeschwanz, das aus Rikers Schatten hervortrat und sich an Mallory wandte. »Das Mädchen war nicht voller Blut.« Die Kleine legte die Hände wie zwei Schalen vor den Mund und flüsterte Mallory verschwörerisch ins Ohr: »Es war nur ein bisschen Blut.« Sie wies auf ihr eigenes T-Shirt und beschrieb die kleinen roten Flecken auf der Schulter und auf einem Ärmel des vermissten Mädchens. »Hier, und hier auch. Oh, und sie heißt Coco.« Riker klappte sein Notizbuch auf. »Aha. Coco.« Nachdem er sich dies notiert hatte, schwebte sein Kuli noch kurz über dem Papier. »So … was dieses Blut betrifft: Hast du denn irgendwo eine Wunde oder einen Schnitt gesehen?«
»Nein, sie hatte einfach nur diese Flecken, und sie sah so aus.« Die Kleine hielt zwei Finger vor ihre Zähne und verzog den Mund zu einem Halloween-Grinsen mit Kinderz ahnl ücken. »Na gut, das passt ja.« Riker hielt ein Foto von Mrs. Ortegas Feenfigur hoch und zeigte es dieser anscheinend verlässlicheren Zeugin. »Hat Coco etwa so ausgesehen?« »Das ist sie!«, quietschte das kleine Mädchen und sprang auf und ab, offenbar so aufgeregt, dass es kaum auszuhalten war. »Die Flügel hatte ich ganz vergessen!« Riker seufzte. Und der Junge, der überführte Lügner, nickte. »Yep, sie hatte Flügel, richtig.« Kleine Hände bohrten sich in Hosentaschen, und er schaute mit neu erwachter Lässigkeit gen Himmel. »Wahrscheinlich ist die schon längst in Mexiko.« Mallory ging in die Hocke, hielt ihr Gesicht nur ein paar Zentimeter von dem des Jungen entfernt. Kein Ausweg, keine Gnade. Riker ahnte nichts Gutes. »Noch was«, sagte sie. »Diese Flecken auf Cocos T-Shirt – hast du das Blut gesehen, bevor die Ratten Mrs. Lanyard gefressen haben?« Der Knirps erschrak sichtlich und riss die Augen auf, als wäre gerade ein Luftballon geplatzt. Offenbar hatte dieser kleine Ausreißer nie zurückgeschaut und den eigentlichen Rattenangriff gar nicht gesehen. Und die Reporter – diese Schakale! – waren zu einfühlsam gewesen, um ihm zu sagen, dass die alte Dame tot war. Das alles stand ins Gesicht des Kindes geschrieben, über das jetzt Tränen liefen. Große, viele. Für die Polizisten war das Antwort genug, und sie setzten ihren Weg in den Central Park fort.
Hätte man sie gefragt, hätte Coco geantwortet, sie sei in der vergangenen Stunde zweihundertdreiundachtzig Meilen gelaufen, um eine Parkfläche zu überqueren, die etwa vier Häuserblocks entsprach. Für sie waren Raum und Zeit willkürliche Begriffe, doch wenn es um Zahlen ging, gab sie sich redlich Mühe, genau zu sein. Das Kind folgte in vier Schritten Entfernung einer Frau, deren Gesicht sie noch gar nicht gesehen hatte. Coco plante, die Fremde zu fragen, ob sie nicht bitte ihre Hand halten könne. Sie brauchte dringend jemanden, der sie in den Arm nahm, ganz egal, wer. Das hier war ein Flattertag, der keine Anker in einer wirklichen Welt hatte, und jeden Moment würden ihr die Tränen kommen. Ihre Aufmerksamkeit wandte sich einem Mann in blauem Hemd und grauer Hose zu. So war auch Onkel Red immer angezogen gewesen. Aber das konnte er nicht sein. Onkel Red hatte sich vor kurzem in einen Baum verwandelt. Die Dame vor ihr blieb stehen und blickte auf. Während Cocos Wanderungen durch den Park, von Nacht zu Tag, hatte sie festgestellt, dass die anderen Besucher nie den Blick hoben – nur diese Frau. Vielleicht hatte die Fremde ja einen Baum schreien hören. Manchmal taten Bäume das. Der hier jedoch nicht. Oh, und jetzt fiel auch noch dieser rote Regen, aber nur ein paar Tropfen, die auf dem Rücken des Kleides der Dame landeten. »Sie haben da Flecken«, sagte Coco. »Rote Flecken, so wie meine.« Die Frau fuhr herum, und eine Ratte fiel vom Baum und landete auf ihrem Kopf. Die Dame schrie wie am Spieß und schlug nach der Ratte, doch die hatte sich in ihrem langen Haar verfangen und schrie jetzt auch wie am Spieß. Zitternd erhob sich Coco auf die Zehenspitzen, bereit zur Flucht, und dann sprintete sie los. Ihre Füße berührten den Boden kaum, während sie davonrannte, weg von diesem Geräusch, um es aus ihrem Gehirn zu verscheuchen. Jetzt folgten ihr Schritte – viel zu schwer für Rattenfüße, selbst wenn alle Ratten der Welt sich aufgetürmt hätten, um hinter ihr herzulaufen. Doch sie schaute nie über ihre Schulter, um zu sehen, was da hinter ihr war. Nach langer, langer Zeit, einer halben Ewigkeit, war sie endlich in Sicher heit bei den Löwen.

DREI
Ich bin zwei Klassen weiter als meine Altersgruppe. Deshalb besuche ich den Unterricht mit allen dreien. In Geschichte sitzt Aggy die Beißerin neben mir und macht klackende Geräusche mit ihren Zähnen. Ab und zu streckt sie den Arm über den Gang zwischen unseren Pulten und zwickt mich. Prüft sie das Fleisch? 
ERNEST NADLER
In einem normalen Wagen wäre es als Beifahrer mit seiner Partnerin am Steuer aufregender gewesen. Mallory schaltete nur selten die Sirene ein, weil sie gerne andere Fahrer erschreckte, indem sie dicht auffuhr und damit Blechschäden und kaputte Rücklichter riskierte. Heute jedoch musste sie sich mit der ziemlich geringen Höchstgeschwindigkeit eines kleinen Parkfahrzeugs begnügen, einer Art frisiertem Golfwagen, dessen Motor ungefähr erdnussgroß war. Riker spielte den Navigator und studierte eine Karte mit den schmalen Straßen, den mäandernden Pfaden und den Highways des Central Park. Während sie auf dem West Drive nach Norden unterwegs waren, markierte er die allerneueste Sehenswürdigkeit der Stadt, den Punkt, wo Ratten einen Menschen gefressen hatten, der nicht aus der Stadt kam, mit einem Kreuz. Sie näherten sich dem Spielplatz bei der West 68th Street, dort hatte Mrs. Ortega das vermisste Kind gesehen. Riker schaute auf seine Uhr. Stunden waren seit dem Angriff der Ratten vergangen. »Hier in der Umgebung finden wir sie nie. Kinder kommen ziemlich weit, wenn sie rennen.« Die Vorstellung, auf einem Parkgelände, das mehrere Meilen lang, eine halbe Meile breit und mit einer Million Bäume bestanden war, hinter denen es sich verstecken konnte, nach einem einzigen kleinen Mädchen zu suchen, weckte eine gewisse Verzweiflung in ihm. Seine Partnerin jedoch lenkte das Wägelchen voller Zuversicht, als wäre sie sich ihrer Sache völlig sicher. »Was weißt du, das ich nicht weiß?«, fragte er Mallory. »Coco versteckt sich nicht«, erwiderte seine Partnerin. »Sie sucht den Kontakt zu Menschen. Deshalb wird sie auf dieser Straße bleiben.« Riker wusste, dass seine Partnerin eine innere Verbindung zu verirrten Kindern hatte. Sie war selbst eins gewesen – sofern man überhaupt sagen konnte, dass sie jemals ein richtiges Kind gewesen war. Als sie mit zehn oder elf auf der Schwelle des Ehepaars Markowitz aufgetaucht war, hatte sie bereits über ein vollständiges Repertoire von Überlebenstechniken verfügt. Ihr wahres Alter hatten ihre Zieheltern, Lou und Helen, nie herausgefunden, denn schon die kleine Kathy Mallory war mit allen Wassern gewaschen, was Täuschung und Verstellung anging. Und im Stehlen, erinnerte sich Riker, konnte ihr bereits in jungen Jahren keiner etwas vormachen. Jemanden einzuschüchtern, war ein Talent, das sie erst später entwickelt hatte. Nachdem sie am Parkausgang zur 77th Street vorbeigerollt waren, ging Mallory voll aufs Gas und machte einen Satz über den Bordstein, um vor zwei Jungs mit Skateboards in den Händen zum Stehen zu kommen. Die beiden trugen Knie- und Handgelenkschoner sowie Helme, also alle Schutzschichten, mit denen Eltern dafür sorgen konnten, dass ihre Sprösslinge in New York keinen Schaden nahmen. Sicher, diese Kids waren Teenager, doch irgendjemand liebte sie. Als der Wagen stoppte, befanden sich seine Vorderräder nur wenige Zentimeter von ihren Kniescheiben entfernt – und die Jungs lachten.
Weiter geht's im Buch

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Vielen Dank für Deinen Kommentar - Deine Kitty